Fotos von Reeser Geschichtsverein RESSA 1987 e. V.s Beitrag
PETERS POST: BÜRGERMEISTER SAHLER VOR GERICHT - ZWEI PROZESSE IN ZWEI JAHREN
Unser RESSA-Mitglied Peter Schütte veröffentlicht an dieser Stelle die Ergebnisse seiner Forschungen über die Reeser Stadtgeschichte. Diesmal geht es um ein Kapitel aus dem Leben des früheren Reeser Bürgermeisters Sahler.
Der langjährige Reeser Bürgermeister Johann Sahler wurde am 8. Mai 1855 auf Burg Zweiffel in Unterstrunden geboren, heute ein Teil von Herrenstrunden bei Bergisch Gladbach. Das ehemalige Rittergut war über seine mütterliche Familie an seine Eltern gelangt, die es von 1854 bis 1860 besaßen und bewirtschafteten. Sahler war zwar nicht adlig, konnte aber tatsächlich von sich sagen, auf einer Burg geboren worden zu sein.
Bevor er nach Rees kam, war er Bürgermeister im hessischen Hünfeld. Von 1894 bis 1911 leitete er dann die Reeser Stadtverwaltung. In seine Amtszeit fielen wichtige Entwicklungen: Auf seine Veranlassung wurde 1896 die Freiwillige Feuerwehr Rees mit rund 70 aktiven Mitgliedern gegründet. Nach dem Münzfund am Weißen Turm im Jahre 1899 ließ Sahler die Silbermünzen sofort sichern und berichtete darüber in den „Bonner Jahrbüchern“. Auch an den Bemühungen um eine bessere Unterbringung des Amtsgerichts war er beteiligt; 1909 wurde das neue Königliche Amtsgericht fertiggestellt. Nach Ablauf seiner ersten Amtszeit wurde Sahler erneut gewählt. Noch heute erinnert die Sahlerstraße an ihn.
Seine Amtsführung verlief jedoch nicht konfliktfrei. Innerhalb eines Jahres beschäftigte er zweimal die Duisburger Strafkammer – zunächst als Angeklagter, dann als Nebenkläger.
1905: Sahler auf der Anklagebank
Im Oktober 1905 musste sich der damals 50-jährige Bürgermeister wegen Körperverletzung verantworten. Er hatte gestanden, den 21-jährigen Joseph Lauten beleidigt und mit Faustschlägen sowie einem Stock misshandelt zu haben. Lauten hatte zuvor Sahlers 17-jährige Tochter an der Reeser Badeanstalt mit „unpassenden Redensarten“ belästigt.
Sahler wurde zu 50 Mark Geldstrafe und zur Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt. Lauten widersprach später Teilen des Zeitungsberichts: Er sei kein Schwimmmeister, sondern Maschinist der Handelsmarine und Reserveoffizieraspirant. Außerdem habe sich die Begegnung mit Sahlers Tochter auf der Brücke der Badeanstalt ereignet. Was mit seiner angeblichen „Art der Begrüßung“ genau gemeint war, blieb offen.
1906: Sahler als Nebenkläger
Die Verhandlung machte zugleich deutlich, dass zwischen Sahler und einem Teil der Reeser Bürgerschaft schon länger erhebliche Spannungen bestanden. Ein Zeitungsbericht mit der Überschrift „Der beleidigte Bürgermeister“ erinnerte außerdem ausdrücklich an das vorherige Verfahren: Nachdem Sahler wenige Monate zuvor selbst verurteilt worden war, „fungierte Sahler diesmal als Nebenkläger“.
Angeklagt waren der Fleischermeister Deckers und der Rentner Küppers. Sie hatten die Behauptung verbreitet, Sahler habe bei einer städtischen Lieferung von Gasöfen einen persönlichen Vorteil für sich beansprucht.
Die Stadt hatte sechs Gasöfen mit einem Rabatt von 25 Prozent bezogen und dem Reeser Ofenhändler Sanders zum Verkauf übergeben. Sahler wollte den größten Ofen privat behalten und soll erklärt haben: „Den größten Ofen behalte ich für mich, und die Provision ist mein.“
Ob Sahler auch am Verkauf der übrigen Öfen verdienen wollte, konnte nicht bewiesen werden. Sämtliche Öfen wurden später zurückgegeben. Dennoch bezeichnete der Staatsanwalt das Verhalten des Bürgermeisters als „unvorsichtig“ und geeignet, Misstrauen hervorzurufen.
Deckers wurde wegen mehrerer Beleidigungen zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt. Küppers wurde in einem Punkt freigesprochen; ein weiteres Verfahren gegen ihn wurde aus formellen Gründen eingestellt.
Trotzdem sah die Zeitung Sahler nicht als eindeutigen Gewinner. Ihr Kommentar fiel ungewöhnlich deutlich aus: „Wir finden, daß Herr Bürgermeister Sahler besser getan hätte, diesen Prozeß nicht anzustrengen.“
So zeigen die beiden Verfahren einen Bürgermeister mit unterschiedlichen Seiten: Sahler setzte wichtige Entwicklungen für Rees in Gang, geriet jedoch auch in heftige persönliche Auseinandersetzungen. 1905 saß er selbst auf der Anklagebank, 1906 trat er als Nebenkläger auf – und musste sich dennoch kritische Bemerkungen über sein eigenes Verhalten gefallen lassen.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt kehrte Johann Sahler später nach Hessen zurück und lebte bei seiner Tochter. Er starb am 31. Januar 1945, fast 90-jährig, in Hünfeld.
Quellen:
Prozess 1905
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/5772452?query=%22Rees%20Sahler%22~20
https://zeitpunkt.nrw/search?&query=vl.fulltext%3D(%22Rees%20Sahler%22~20)%20and%20vl.domain%3D(zdiginrw)%20sortBy%20dc.date&operation=searchRetrieve&truncate=on&facets=relatedItem%3D%226373522%22
Prozess Gasofen 1906
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/7096359?query=%22B%C3%BCrgermeister%20Sahler%22
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/9151871?query=%22B%C3%BCrgermeister%20Sahler%22
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/22954520?query=%22Rees%20Sahler%22~20
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/28584?query=%22B%C3%BCrgermeister%20Sahler%22
Bürgermeister Hünfeld
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/28537054?query=%22B%C3%BCrgermeister%20Sahler%22
Burg Herkunft
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/2972927?query=%22B%C3%BCrgermeister%20Sahler%22
Bild Burg
https://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71915365
Bild Kamin
Technisches Museum Wien, „Gaskamin FRIEDRICH SIEMENS“, Inv.-Nr. 172679, CC BY-NC-ND.
Bild Sahler
Rees am Rhein. 1900 -2000, Altfrid Brey, Viersen 1999, S. 13.