Fotos von Reeser Geschichtsverein RESSA 1987 e. V.s Beitrag
PETERS POST: EINE MARK EINTRITT - REES UND XANTEN IM ANGEBLICHEN JUBILÄUMSSTREIT
Unser RESSA-Mitglied Peter Schütte veröffentlicht an dieser Stelle an jedem zweiten Mittwoch die Ergebnisse seiner Forschungen über die Reeser Stadtgeschichte. Diesmal geht es um einen vermeintlichen Streit zwischen Rees und Xanten vor fast 100 Jahren.
Wer am Sonntag, dem 15. Juli 1928, die 700-Jahr-Feier in Rees besuchen wollte, musste zunächst bezahlen. Von 8 Uhr morgens bis zum Beginn des großen Festzuges durfte die Stadt nur gegen ein Eintrittsgeld von einer Mark betreten werden. Lediglich Kinder unter 15 Jahren hatten freien Zutritt. Am Samstag und am Montag war der Zugang zur Stadt dagegen kostenlos.
Zur Absperrung wurden Hellebardiere aufgestellt. Wegen des erwarteten Besucherandrangs musste außerdem der gesamte Kraftwagen- und sonstige Fahrzeugverkehr innerhalb des Stadtgebietes ruhen. Der Durchgangsverkehr wurde um Rees herumgeleitet.
Die ungewöhnliche Eintrittsregelung fand auch außerhalb der Stadt Beachtung. „Erst zahlen, dann feiern!“, überschrieb der Generalanzeiger am 13. Juli 1928 seine Meldung. Eine andere Zeitung fragte am Ende ausdrücklich: „Ob der Beschluß, Eintrittsgeld zu erheben, klug war?“
Brisant wurde die Angelegenheit dadurch, dass auch die Stadt Xanten 1928 ihr 700-jähriges Jubiläum beging. Rees hatte am 14. Juli Geburtstag, Xanten einen Tag später, am 15. Juli. Während Rees von den auswärtigen Besuchern seines Festzuges, der durch historische Leihkostüme aus Düsseldorf eine besondere Augenweide war, eine Mark verlangte, betonte Xanten in seiner Werbung ausdrücklich, dass dort beim Betreten der Stadt kein besonderes Eintrittsgeld erhoben werde.
In Rees fasste man diesen Hinweis offenbar als Spitze gegen die eigene Stadt auf. Hinzu kamen auswärtige Zeitungsberichte, in denen der Xantener Festzug angeblich als origineller und künstlerisch wertvoller als der Reeser bezeichnet worden war. Außerdem kursierten Warnungen, Besucher könnten während der Xantener Festwoche in den Gaststätten durch überhöhte Preise „geneppt“ werden.
Darauf reagierte der in Xanten erscheinende Bote für Stadt und Land am 9. August 1928 mit ungewöhnlicher Schärfe. Unter der Überschrift „Ein wenig feines Konkurrenzmanöver“ warf das Blatt „offenbar interessierten Kreisen in Rees“ vor, gegen Xanten Stimmung zu machen. Man habe lediglich sachlich darauf hingewiesen, dass Xanten kein Eintrittsgeld für das Betreten der Stadt verlange.
Auch den Vorwurf überhöhter Preise wies die Zeitung zurück. Nach Auskunft der Xantener Gastwirte seien während der Festwoche nur die üblichen Preise berechnet worden. Wer glaube, in einer Xantener Gaststätte zu viel bezahlt zu haben, solle dem Verkehrsverein den Namen des Lokals, den gezahlten Preis und die erhaltenen Speisen und Getränke mitteilen. Schließlich warnte die Zeitung sogar davor, die gegen Xanten gerichteten Behauptungen weiterzuverbreiten, da dies möglicherweise strafrechtliche Folgen haben könne.
Vielleicht lag der besondere Zündstoff - wenn er denn tatsächlich einer war und nicht nur von einer einzelnen Zeitung hochgespielt - gerade in der unmittelbaren Nachbarschaft: Xanten war nur einen Tag „jünger“ als Rees und lag zudem auf der anderen Rheinseite. Was jenseits des Stroms lag, konnte aus der eigenen Perspektive schnell zur „schälen Sick“, zur vermeintlich falschen Seite, werden. Welche Rheinseite tatsächlich die „schäle“ war, dürfte allerdings ganz davon abgehangen haben, ob man in Rees oder in Xanten fragte. So ging es 1928 wohl nicht nur um eine Mark Eintritt, Festzüge und Gaststättenpreise, sondern auch um jene alte Mischung aus Lokalstolz, nachbarschaftlicher Konkurrenz und liebevoll gepflegten Vorurteilen, die am Niederrhein bis heute nicht ganz unbekannt ist.
Die gute Nachricht: Für ihre 800-Jahr-Feiern im Juli 2028 arbeiten die Städte Rees und Xanten Hand in Hand. So wird es am Sonntag, dem 16. Juli 2028, sogar eine gemeinsame Feier geben, die morgens in Rees beginnt, über den Rhein nach Xanten getragen wird und dort im LVR-Archäologischen Park oder im Kurpark weitergeht, bevor am Nachmittag beide Städte ihr Jubiläum individuell weiterfeiern.
Quellen:
* „Rees mit eine Mark Eintritt“, in: Honnefer Volkszeitung, 12. Juli 1928.
* „Eine Stadt, die Eintritt erhebt“, in: Godesberger Volkszeitung, 13. Juli 1928.
* „Erst zahlen, dann feiern! Rees will eine Mark Eintritt nehmen“, in: General-Anzeiger, 13. Juli 1928.
* „Ein wenig feines Konkurrenzmanöver“, in: Bote für Stadt und Land, 9. August 1928.
Digitalisate: zeit.punktNRW.